Der „Flugplatz am Friesenhain“
Die erste luftsportliche Veranstaltung auf Sylt kam im Jahr 1911 auf Betreiben des Badekommissars, Baron von Grüter, zustande. Die “Sylter Zeitung“ schrieb damals: „Am 18. Juli startete der Pilot Schall mit einer Grade Libelle – benannt nach dem Konstrukteur Hans Grade – zu einem Rundflug über Westerland“.
Auf dem Stadtplan von 1910 sieht man die damaligen Hauptstraßen und die Nebenstraßen in „Alt Westerland“. Im aktuellen Stadtplan ist das Gebiet mit einer schwarzen Umrandung gekennzeichnet.
„Aus diesem Anlass versammelten sich Scharen von begeisterten Zuschauern auf dem Startplatz nördlich des Krankenhauses, auf der Heide. Er flog über die Dünen, dann am Strand entlang, über Westerland hinweg bis zum Ringhoog und endete dann etwa 20 Meter vor den Dünen. (rote Umrandung mit blauen Richtungspfeilen). Nach dem Flug musste Schall seinen Flugapparat wieder auseinander bauen und per Eisenbahn und Schiff zum Festland befördern lassen“.
„Am 19.Juli 1914 fand der erste Direktflug nach Westerland statt. Es war ein Militärflugzeug (Doppeldecker, Typ Rumpler C1), das auch von der Badeverwaltung angekündigt wurde. Die 2 Flieger hatten die 135 KM vom Lockstedter Lager (östlich von Itzehoe) in zweieinhalb Stunden zurückgelegt und landeten ebenfalls auf der im Norden Westerlands gelegenen Heide. – Nachdem dort im selben Jahr weitere Militärflieger landeten, sah sich die Stadtverwaltung veranlasst, am Dünenfuß, 2 Zelte zur Unterbringung der Flugapparate zu errichten“.
Wenn ein Flugplatz gebaut wird, erstellt man zunächst eine Bedarfsanalyse.
Ähnlich wie beim Flughafen „Willy Brandt“ in Berlin. Auf Sylt war es etwas anders. Wenige Monate nach Ende des 1. Weltkriegs meinten der Bürgermeister und sein Badekommissar, bald beginnt der Sommer, dann kommen die Badegäste wieder. Damit sie die Insel schnell erreichen können, brauchen wir einen Flugplatz. Hierfür benötigen wir eine Heidefläche oder einen kargen Acker als Flugfeld. Möglichst nicht so nah an der Stadt, wegen des Fluglärms und nicht so nah an den Dünen, wegen des Sandflugs. Dazu noch mit einer günstigen Verkehrsanbindung, wegen der Bequemlichkeit für unsere Badegäste. – Diese Voraussetzung fand man am Friesenhain und dem Lornsen Hain.
Ein paar Monate später – am 06. Juli 1919 – war es soweit. Die erste Flugverbindung mit dem Festland wurde groß gefeiert. Die „Sylter Zeitung“ berichtet darüber folgendes: „Mitten in die Verkehrserschwernis, die der Eisenbahnerstreik verursacht, fällt die Eröffnung der Luftpostlinie Berlin-Hamburg-Westerland. Fühlbarer konnten die Vorteile, welche im Verkehrswesen auf dem Luftweg möglich sind, nicht in Erscheinung treten. Neben der Zeitverkürzung ist es vor allen Dingen die Unabhängigkeit von allen Zwischenstationen, die dieses Verkehrsmittel als geradezu ideal erscheinen lässt. In der Luft gibt es keine Streikposten und keine Bahnsperren. Und so konnten wir denn schon mittags die Morgenausgabe Berliner und Hamburger Zeitungen lesen“
„Mit einem Sonderzug waren aus Westerland viele Kurgäste und Einheimische am Friesenhain erschienen zum festlichen Empfang des ersten Postflugzeuges. Schon gestern war das Flugzeug der „Deutschen Luftreederei“, eine Junker F 13 eingetroffen, mit 300 kg. Ausrüstungsgegenständen. Die Ju F 13 war zu der Zeit weltweit das erste Ganzmetallflugzeug mit einer Kabine für 4 Passagiere. Der Pilot saß in einem offenen Cockpit“.
Die „Westerländer Luftverkehrs-Gesellschaft“
Das Flugzeug der „Westerländer Luftverkehrs-Gesellschaft“ erhielt den Namen „Westerland“ und wurde überwiegend für Inselrundflüge und auf der Fluglinie Westerland – Flensburg eingesetzt. Hier befindet sich die D 162 „Westerland“ vom Wattenmeer kommend beim Landeanflug über einem Hünengrab. Im Hintergrund erkennt man das Morsum Kliff. Der Pilot Roeder steht mit Fluggästen vor der D 162.
Vermutlich hat sich Roeder mit einer Anzeige Behördenärger eingeheimst.
Darüber konnte man lesen: „In den „Sylter Nachrichten“ erscheint seit langer Zeit ein Inserat, wonach von Ihnen täglich Luftverkehr ausgeübt wird. Das ist eine Irreführung des Publikums, da Ihre Gesellschaft schon seit langer Zeit und auch jetzt, wo ich mich in Anwesenheit des Herrn Oberpräsidenten überzeugen konnte, gar nicht in der Lage ist, irgendeinen Flugverkehr auszuführen. Ich untersage Ihnen die Veröffentlichung solcher Inserate, solange der Flugverkehr nicht ordnungsgemäß aufgenommen und durchgeführt werden kann“.
Der Schreiber hatte offensichtlich Recht. Die einmotorige Focke-Wulf A 16 mit der Kennung D 162 und dem Namen „Westerland“ war nach zweimaliger Bruchlandung nicht mehr flugfähig. Die Unfallorte sind leider nicht bekannt. In der Zeitung wurden sie auch nicht erwähnt. Man meinte jedoch, dass das Flugzeug etwas kopflastig gewesen sei.
Es gibt aber auch Berichte, dass der Landeplatz am Friesenhain Mitte der 20er Jahre ein „wahrer Acker“ gewesen sei. Mit runden Sandflächen an Stellen, wo 1925 zwei Hünengräber (Keitum Grabhügel 18 und 19) entfernt wurden und Grabenlinien an Wegen, die man einfach mit Heidesoden abgedeckt hat.
Offizielle Luftpostbeförderung ab 1926
Nach Westerland erfolgt die tägliche Luftpostbeförderung ab Hamburg via Kiel – Flensburg nach Westerland. So steht es auch auf dem Streckenschild der Ju F 13 auf dem „Flugplatz am Friesenhain“.
An die „Historische Luftpostbeförderung“ erinnert eine Briefmarkenserie u.a. mit einem Motiv der „Grade Libelle“ und der „Ju F 13“. In Anspielung auf die erste Ju F 13, bei der der Pilot in einem offenen Cockpit saß, verwendete die Stadt Flensburg im Poststempel den Werbeslogan: „Flensburg ganz oben, ganz offen“ – Die Sylter Kurverwaltungen führten zur selben Zeit den Werbeslogan: „Sylt – in Deutschland ganz oben“.
Die „Sylter Zeitung“ veröffentlichte am 26. Juli 1927 folgenden Artikel: „Flieger-Ehrung. Dem verdienten Piloten der Luft-Hansa, Gengenbach, wurde anläßlich seiner 500. Landung auf Sylt eine kleine Empfangsfeier bereitet.
Der zurzeit auf Sylt anwesende Präsident der Deutschen Luft-Hansa, von Stauß, hatte es sich nicht nehmen lassen, zu erscheinen. Die Stadt Westerland war durch Herrn Bürgermeister Kapp, die Badeverwaltung durch den Badedirektor, Herrn Hofrat Anders, vertreten“.
Plakat-Werbung in den 30er Jahren
Eine Zeit, in der Westerland noch ein „Damenbad“ am Südstrand, ein Familienbad am Zentralstrand und ein „Herrenbad“ am Nordstrand hatte, zielte die Werbung offenbar auch auf den Lebensstil und den Zeitgeist der 20er und 30er Jahre.
Von Westerland aus gab es mit der „Deutschen Luft Hansa AG“ einen Luftverkehr mit Focke-Wulf- und Junkers- Flugzeugen via Hamburg und Bremen zu den Inseln Wangerooge, Norderney und Borkum.
Zu den Luftpionieren der ersten Stunde zählte auch der Sylter Fotograf Ferdinand Pförtner. Ihm verdanken wir zahlreiche Fotografien aus den Anfängen der Fliegerei und des Tourismus auf der Insel Sylt.
Im vergangenen Jahrhundert gab es auf Sylt wohl kaum ein Fotoalbum, in dem nicht Bildmotive von Pförtner zu finden waren. Ob Personen, Landschaften, das Meer oder aktuelle Ereignisse. – Auf dem Foto steht Ferdinand Pförtner mit seiner Kamera in einem Doppeldecker Typ „Rumpler C1“ mit der Kennung D 62.
Die Fliegerei verbindet
Von ihrem Erstflug am 12.06.1919 – bis zum Ende der 30er Jahre wurde die Ju F 13 ca. 300mal technisch und äußerlich verändert, z.B. Metall- statt Holzpropeller – das Cockpit – usw.
Dass die Fliegerei verbindet und dies bereits in den 20er Jahren erkannt wurde, sieht man an der Ju F 13 mit der Kennung D 202. Das Flugzeug wurde 1922 für die Junkers Flugzeugwerke zugelassen. Es flog im Sommer die Strecke Moskau – Nowgorod, anschließend in Lettland sowie in Finnland und wurde 1927 an die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DLV) verkauft.
Hier steht die Ju F 13 – D 202 schon weit geflogen – auf dem „Flugplatz am Friesenhain“.
Diese Skizze (um 1937) ist wahrscheinlich „die Mutter der Planung“ für den nördlichen Teil der Flugplatzerweiterung. Darauf deuten die drei roten Linien mit Maßangabe hin, wenn man den Verlauf der später gebauten Startbahnen betrachtet.
Eine sechs seitige Auflassungserklärung des Amtsgerichts vom 24. September 1938 gibt Auskunft über den Verkauf von Acker-, Heide-und Weideflächen in sechs Flurstücken der Norddörfer und der Gem. Keitum, durch die Stadt Westerland an das Deutsche Reich. Der nördliche und östliche Grenzverlauf befindet sich am heutigen Radweg Wenningstedt – Braderup bzw. verläuft in Nähe der ehemaligen Straße von Keitum nach Braderup, wie aus der Flurkarte von 1928 ersichtlich.
In Anlehnung daran, der Ausschnitt aus einer Luftaufnahme von August 1943. Gut erkennbar sind noch die einzelnen Parzellen und der Friesenhain. Die gelbe Linie umfasst den ursprünglichen „Flugplatz am Friesenhain“.
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