Der Stein lebt

„Weder Steine noch Metalle sind Material für die Ewigkeit. Mikroorganismen und Kleinstlebewesen machen allem früher oder später den Garaus. Die Zerstörung alter Gesteine beginnt meist auf physikalisch-chemischem Weg, indem sich die biologisch besiedelten Bereiche ausdehnen und dadurch zerstörerische Spannungen im Material erzeugen“.

Quelle: ICBM, Universität OLDENBURG

Die Ziffern und mythischen Zeichnungen auf dem Findling sind nicht mit Farbe gemalt oder gemeißelt. Sie wurden in den Stein geätzt.

Auf der Insel Heylingsand (Helgoland) hat man die Göttin Herthe (Mutter Erde) verehrt, wie im vorhergehenden Kapitel erwähnt und ihr auch Menschen geopfert.

Ihren Götzendienst beschreibt Tacitus in seinem Buch von Germania folgender maßen: Die Angeliter und die benachbarten Völker ehrten die Herthe, das war das Erdreich und meinten, dass die Göttin unter den Menschen-Kindern anwesend sei“.

„Es gab auf einem Eiland des Ozeans einen Heiligen Wald und in demselben einen geweihten Wagen, bedeckt mit einem Gewand, das außer dem Priester keiner berühren durfte. Wenn dieser feststellte, dass sich die Göttin im Heiligtum befindet, folgte er dem mit Kühen bespannten Wagen auf dem die Göttin fährt, mit großem Respekt.

Wenn das geschah, hielt man ein Freuden Fest und die Einwohner, die sie bei ihrer Ankunft würdigten, waren feierlich gestimmt. Denn man dachte nicht mehr an Krieg und Kriegsrüstung, sondern allein an Frieden und Ruhe.

Das währte so lange, bis die Göttin Herthe in der Gesellschaft sterblicher Menschen nicht länger sein mochte. Daraufhin führte sie der Priester wieder in den Tempel. Danach hat er in einem verborgenen See den Wagen, das Gewand und das Götzenbild gewaschen.

Die anwesenden Knechte ertranken dabei im See. Dadurch gab es ein stilles Erschrecken und eine Heilige Unwissenheit, warum alleine diejenigen umkommen, die das gesehen haben“.

Übersetzung aus dem Buch von Tacitus, Kapitel 25, Seite 132

„Der festliche Umzug der Nerthus auf ihrem Wagen. Illustration von Emil Doeplor ca. 1905“.

Quelle: Wikipedia

Bei den zwei Inseln im roten Kreis handelt es sich vermutlich um die Inseln Sylt und Föhr, die zu der Zeit noch nicht getrennt waren und die Insel Amrum.

Henry Koehn schreibt in seinem Buch „Die nordfriesischen Inseln“

„Die erste christliche, hölzerne Kirche von Eidum ist, nach Kielholt, um 1300 von den Fluten zerstört und weiter östlich in Stein wieder aufgebaut worden. Nach abermaliger Zerstörung 1362, bei dem Untergang von ganz Eidum, siedelten sich die am Leben gebliebenen Eidumer auf dem höher gelegenen Heidegebiet von Sylt erneut an und nannten ihren Ort ab 1450 Westerland. Ihre Kirche „St. Niels“ musste des Sandfluges wegen 1635 abgebrochen werden und wurde als jetzige Westerlands Kirche ¼ Meile weiter östlich wieder aufgebaut, wo sie heute steht“.

Bei dem zweimaligen Standortwechsel könnten die Eidumer den Findling als (heidnisches) Heiligtum oder als Zeichen der Verbundenheit zu ihren untergegangenen Kirchen mitgenommen haben. Vermutlich hatte der Stein hierdurch eine „bewegte“ Vergangenheit, bei der die Ziffern und mythischen Zeichnungen durch den biologischen Steinfraß in Mitleidenschaft gezogen wurden.

„Die Oldenburger Forscher haben herausgefunden, dass vielmehr organische Schadstoffe in der Luft für viele der zerstörenden Mikroorganismen als Energie und Nährstoffquelle ausreichen. Laut Prof. Krumbein steigt die organische Belastung der Luft weiter an – was die Aktivität der in stabilen Biofilmen lebenden Organismen fördert. Als Folge ist in den vergangenen Jahren ein immer schnellerer Steinfraß zu beobachten“. Quelle: ICBM, Universität OLDENBURG

Dies lässt sich am Findling ebenfalls feststellen.

Holzpfähle einer 150 Jahre alten Buhne an der „Himmelsleiter“ wurden im November 2021 gezogen.

Bei Baggerarbeiten fand man den Stein in etwa 2,5 Meter Tiefe unter dem Strandsand im Kleiboden. Dies ist offensichtlich ein weiterer Hinweis auf eine Fundstelle „An der Himmelsleiter“, in deren Nähe schon in früheren Jahren alte Stavenplätze, Brunnenringe, Spuren von Rinderhufen in einer Furt und interessante Artefakte gefunden wurden.

Betrachtet man das Siedlungsgebiet südlich von Westerland bis nördlich vom Roten Kliff in Kampen, im Kontext mit alten Seekarten und Segelanweisungen sowie Bohrprotokolle vom Strand und im Küstenbereich, so findet man wahrscheinlich hier den Schlüssel für einen Rückblick in das frühe Mittelalter auf der Insel Sylt.

Das Bohrprotokoll Nr. 1015-0007-B aus dem Jahr 1968 und Strandansichten von 2016 im Bereich der Fundstelle „An der Himmelsleiter“, veranschaulichen den Untergrund der Fundstelle.

Fundstelle „An der Himmelsleiter“ am 26.12.2021 und bei Niedrigwasser am 21.09.2024

Weiterführende Artikel

Diese Artikel könnten Sie interessieren